Elvis Costello – Live in Luxembourg 2023 – Live in Interview on Cohen, Dylan and more

Elvis Costello and Steve Nieve „100 Songs And More“ Tour – Live in Luxembourg am 22. September 2023 in der Philharmonie (Text & Fotos: Prof. Dr. Christof Graf)

 Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Elvis Costello wieder auf Tournee und absolviert u.a. neben zwei Konzerten in Deutschland (Hamburg (19.9.) und Berlin (20.9.) auch ein Konzert in der Luxemburger Philharmonie am 22.September 2023.

Elvis Costello und sein musikalischer Weggefährte Steve Nieve haben fast auf allen Alben in Costellos großem Backkatalog zusammengespielt. Der Pianist und Komponist Nieve ist eine musikalische Konstante in Costellos Leben. Bei der „100 Songs And More“ Tour gibt es jeden Abend eine neue Setlist. Unter den jeweils über 20 Stücke bei ihren Konzerten sind Raritäten und Klassiker.

Tickets gibt es unter:

 https://www.philharmonie.lu/en/programm/elvis-costello/4902

Elvis Costello im Interview: Über die Vielfältigkeit von Betätigungsfeldern, zwei Alben in drei Pandemiejahren und über Autobiographien, Singer/ Songwriter wie Bob Dylan und Leonard Cohen

Eigentlich heißt er Declan Patrick MacManus und ist ein britischer Musiker. Nennen tut er sich seit 1973 „D.P. Costello“ und seit 1977 „Elvis Costello“. Es ist eine Namens-Mischung aus seinem Vorbild „Elvis Presley“ und dem Nachnamen seiner Urgroßmutter. In den Medien wird Elvis Costello oft als Intellektueller und gerne auch als einer der bekanntesten Unbekannten in der Welt der Populären Musik genannt, obwohl er schon 1985 „All You Need Is Love“ beim „Live Aid“ und danach auf vielen großen Festivals, wie z.B. in Glastonbury oder Roskilde gespielt hat. Man kennt seinen Namen, hat aber Schwierigkeiten eines seiner Werke beim Namen zu nennen. Zu vielfältig ist sein Betätigungsfeld, als dass man ihm nur einem Genre zurechnen kann. Über 30 Studio-Alben hat er seit 1977 eingespielt. Der 1954 geborene Londoner lebt zusammen mit seiner dritten Frau, der Jazzpianistion Diana Krall, in New York und Vancouver.

Hitlieferant war Costello nie, obwohl ihm über Jahrzehnte Single-Erfolge wie „Oliver’s Army“, „She“, „Veronica“ oder „Shipbuilding“ gelangen. Seine Songs wurden für den Oscar nominiert, er bekam Grammies und seine Alben ziehen immer wieder in die Charts ein. Costello zählt zu den 100 der größten Musiker und steht auf Rang 24 der 100 besten Songwriter aller Zeiten (ROLLING STONE). 2003 wurde er in die „Rock`n`Roll Hall Of Fame“ aufgenommen.

 

Seine bisherigen Bands hießen „The Attractions“, die ihn bis 1986 begleiteten. Seit dem 2002er Album „When I Was Cruel“ lässt er sich von den „The Imposters“ (Davey Faragher, Declan Patrick Aloysius Macmanus, Pete Thomas und Steve Nieve) auf Tour und im Studio begleiten.

Seit Beginn seiner Karriere in den 1970er Jahren überschreitet Elvis Costello regelmäßig musikalische Grenzen und wechselt zwischen den Stilen. Der aus der britischen Rock- und Punkszene stammende Musiker lebte sich aber auch im Jazz oder in der Klassik aus und engagierte sich auch in der Filmmusik. Costellos Interpretation des Bacharach-Klassikers „I’ll Never Fall In Love Again“ gehört zum Soundtrack von „Austin Powers 2“. Ein anderes filmisches Engagement zu dieser Zeit war ein Auftritt im „Spice Girls“-Film „Spiceworld“ und Costello komponierte auch einen Beitrag zum Soundtrack von „The Big Lebowski.“ Die Single „Veronica“, auf der auch der Co-Autor des Songs, Paul McCartney, zu hören ist, wurde zu seiner erfolgreichsten in den USA. Costello wird gerne auch zu den Intellektuellen in der Popmusik gezählt. Zusammen mit Salman Rushdie, Keith Richards, Paul Simon u.a. war er in der Jury der PEN-Award-Verleihung 2012 für „Song Lyrics of Literary Excellence“, und er leistete in der „Presidential Library“ in Boston am 26. Februar 2012 auch einen musikalischen Beitrag. Gründe also genug, um von Bob Dylan 1995 als Support Act auf dessen „Neverending Tour“ eingeladen zu werden, will man meinen.

Im März 1995 agierte er als „support act“ für fünf Shows bei der „Neverending Tour“. Bei der damals letzten Show am 30. März 1995 in der Brixton Academy in London spielte und sang er zusammen mit Dylan bei der Zugabe „I Shall Be Released“. Zwei Wochen später wurden beide zusammen für eine TV-Aufzeichnung in den Straßen von Dublin gefilmt. Bei einem Bob Dylan-Konzert am 26. Juli 1999 in New York City, das als eines der längsten der “NET” zählt, befand sich Elvis Costello gerade in der Stadt und kam wieder zu dem Song „I Shall Be Released“ auf die Bühne. Acht Jahre später stand er zum dritten Mal mit Dylan auf einer Konzertbühne. Am 22. Oktober 2007 sang er mit Dylan “Tears Of Rage” bei der Show in St. Louis, Missouri.

Gründe also genug, um sich auf ein ZOOM-Interview mit Elvis Costello zu freuen. Der Interviewer weiß nie, ob die ihm zugesagte Zeit tatsächlich vorhanden ist, ob die von ihm geplanten Fragen gestellt werden können, ob der Interviewte darauf aussagekräftig und ausführlich genug Antwort geben möchte und wird, und ob der atmosphärische Verlauf des Gesprächs den Fragen zuträglich ist.

Knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Albums „Hey Clockface“ kündigte Costello mit der Single „Magnificent Hurt“ ein weiteres Album in der Pandemie an: „Der komplette Titel des Albums ist eigentlich ‚The Boy Named If (And Other Children’s Stories)‘“, erzählt Elvis Costello gleich zu Beginn des Gesprächs. „‘If‘“ ist in dem Fall der Spitzname für einen imaginären Freund, dein geheimes Selbst, das alles weiß, was Du leugnest. Derjenige, dem du immer die Schuld in die Schuhe schieben, und den du für das Geschirr und die Herzen verantwortlich machen kannst, die du gebrochen hast. Mehr zu diesem Jungen gibt es in dem Song mit dem Titel ‚Boy‘.“ Zum textlichen Inhalt des gesamten Albums erklärt Costello außerdem: „Es gab einmal eine Zeit, als ich noch nicht wusste, was ein Kuss alles anrichten kann. Alles, was vor mir lag, war noch ein Mysterium. Ich wusste noch nicht, was kommen wird, dass die Zukunft auch schmerzvoll sein wird, leidenschaftlich und vieles mehr. Von dem ganzen Ballast an Schuldgefühlen und Scham, den man abwerfen muss, bevor die Reise ins Paradies beginnen kann, möchte ich gar nicht erst anfangen.“

„The Boy Named If“ ist summa summarum eine Zusammenstellung von 13 Liedern, die laut Costello „bei den letzten Tagen eines verwirrten Jungen in der Pubertät anfängt, bis hin zu dem demütigenden Moment, wenn Dir gesagt wird, dass Du aufhören sollst, Dich wie ein Kind zu benehmen, was für viele Männer (und vielleicht auch einige Frauen) eine Zeitspanne umfasst, die von da an gut und gerne innerhalb der nächsten 50 Jahre liegen kann.“

Das Album „A Boy Named If“ ist so ein tiefgehendes Album, über das es sich lohnt mit dessen Schöpfer zu sprechen.

„Derzeit beginnt man fast jedes Interview mit der Frage, wie geht es Dir und wie hast du die Zeit im zweiten Jahr der Pandemie erlebt“, leite ich den ZOOM-Call ein und frage konkret: „Knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung deines Albums ‚Hey Clockface‘ (2020) veröffentlichst du nun dein neuestes Werk ‚A Boy Named If‘. Ist das Album bestehend aus Songs, die noch vor der Corona-Zeit geschrieben wurden, oder ist es gar ein Produkt der Pandemie-Zeit?“

Elvis Costello: Es sind alles Songs, die mir in den letzten Monaten in den Sinn kamen. Sie haben nichts mit der Pandemie oder den damit verbundenen Umständen zu tun. Es sind Songs, die mir auch ohne Corona durch den Kopf gegangen wären. Sie sind eher eine Art „Collection of Moments“. Letzten Februar (2021; Anmerkung des Autors) kam ich von einer kleinen Tournee zurück. Ich hatte Songs im Gepäck, von denen ich nicht wusste, wann ich sie live on stage präsentieren können würde. Es waren keine Songs, die unbedingt mit der Pandemie zu tun hatten, weil mir noch genügend andere Gedanken durch den Kopf gingen, als nur das, was mit dem Virus zu tun hat. Es waren alles Songs, zu denen ich schnellen Zugang hatte, und sie waren alle mit der Gitarre entstanden, womit sie sich sowohl technisch, inhaltlich als auch von der Entstehung und des Arbeitsprozesses her von den Songs von „Clockface“ unterscheiden. Die Arbeit an den „If“-Songs halfen zudem, auch die Angst vor der Pandemie zu nehmen und unter den mitwirkenden Musikern und meiner Band Tausende von Meilen der Distanz mit Hilfe der Technik zu überwinden, da man sich ja nicht mal so eben von Amerika nach England in den Flieger setzen konnte. – Ein Umstand, der aber auch dazu verhalf, uns trotz oder gerade wegen der Technik als Band noch mehr zusammen zu tun, da man dieses Mal eben nicht im Studio zusammensetzen und an den Songs feilen konnte, sondern das Songmaterial digital austauschen musste.

 

Deine Autobiographie „Unfaithful Music & Disappearing Ink” aus dem Jahre 2015, zu der es ja auch ein Soundtrack-Album gab, erzählt, wenn auch nicht immer chronologisch geordnet, Episoden aus deinem Leben. Ist das Album „A Boy Named If“ eine Art Konzeptalbum oder mehr Erinnerungen aus einem Tagebuch, oder könnte man es gar als eine Art weiteres Kapital der Autobiographie ansehen?

 

Elvis Costello: Zunächst einmal erzählt das Buch aus verschiedenen Episoden meines Lebens, insofern könnte man diese Frage schon bejahen. Aber, sowohl die Biographie als auch das aktuelle Album sind nicht so etwas wie mein „letztes Geständnis“. Und die aktuellen Songs sind nicht als ein Teil einer autobiographischen Sichtweise zu sehen, sie sind eher Spiegel einer momentanen Sichtweise über die Dinge, die ich in den Songs verarbeitet habe, also eine Art Status Quo des Momentes, als mir solche Dinge durch den Kopf gingen. Und natürlich kommen darin auch Menschen vor, die in meinem realen Leben existieren. Aber ich schreibe diese Songs nicht aus der Notwendigkeit heraus, sie in den Kontext meiner Autobiographie zu stellen. Noch nicht einmal die Personen in meinem Buch haben eine notwendige biografische Funktion, aber sie gehören dennoch zur Zeit, auf die sich der Text bezieht. Das Buch ist wie eine romantische Erzählung über drei Generationen von Musikern aus der Vergangenheit bis zur Gegenwart, über meinen Großvater, meinen Vater und mich. Der einzige rote Faden darin ist, und ja, das Buch ist keineswegs chronologisch angeordnet, dass sich der Faden auf Geschehnisse in meiner Karriere bezieht und an Zeitpunkten in meiner Karriere anknüpft, um über gewisse Dinge zu reflektieren. Wenn Du so an eine Autobiographie herangehst, entsteht nun mal kein gerader Erzählstrang, sondern du kommst an einen Punkt, wo du plötzlich über Dinge erzählst, die dir gerade erst beim Erzählen einfallen. Und plötzlich fällst Du vom Zeitpunkt des Schreibens in der Gegenwart, an dem du ja sowieso schon in die Vergangenheit abdriftest, plötzlich noch mehr in die Vergangenheit. Du denkst an Menschen, die dir begegnet sind, die für dich von viel oder wenig oder gar keiner Bedeutung waren, du erinnerst dich an Freundschaften und an Fehler, die du gemacht hast. Und plötzlich denkst du beim Schreiben an Dinge, die du verdrängt hattest, an Dinge, an die du schon lange nicht mehr gedacht hast und du denkst, dass du vielleicht im Moment des Schreibens anders darüber denkst, als zu dem Zeitpunkt, als sie geschahen. Bei einer solchen Arbeitsweise kann kein chronologisch geordnetes Buch herauskommen. Und das ist letztendlich auch der Grund, warum das Buch so umfangreich wurde. Ich hörte einfach nicht auf zu schreiben und über Dinge nachzudenken, wenn ich sie aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart holte. Ich habe es sehr genossen das Buch zu schreiben, auch wenn es eine sehr emotionale Reise gewesen ist, weil es in den letzten Jahren im Leben meines Vaters entstanden ist. Ich schrieb nicht kontinuierlich an einem Stück, und somit ist das Buch für mich eine schöne Erinnerung an meinen verstorbenen Vater, der mit dem Buch für mich mit den darin festgehaltenen Erinnerungen irgendwie am Leben bleibt.

 

Hätte „If“ nicht einen tatsächlichen Namen verdient?

 

Elvis Costello: Warum?  „If“ ist eine imaginäre Person, die es nicht wirklich gibt. Manche Kinder haben in ihrer Kindheit einen „imaginären“ Freund, mit dem sie sich unterhalten, ohne dass er wirklich existiert. Wenn Du dann erwachsen wirst, entdecken Männer wie auch Frauen neue Seiten an sich und überschreiten sich und ihre Grenzen und genau das portraitieren die Songs. Wenn du als kleiner Junge zum Mann wirst und Ängste entstehen, die du zuvor noch nicht kanntest, und du Dich irgendwo in dem Zwang befindest in der Schule die so unnötig erscheinende Algebra lernen zu müssen, während du dich in deiner ungebändigten Fleischeslust auf das andere Geschlecht befindest, stellen sich Dir Fragen, wie: Bist Du gut genug? Kannst Du der Person genügen oder gefallen, die du so begehrst? Fragen, die du als 15-, 16-jähriger Junge so gehabt hast, und die dich in Unsicherheit gestürzt haben. Aber es geht in diesen Songs nicht nur über die Teenager-Zeit und Identitätssuche in der Pubertätszeit, einige Songs gehen zurück bis in Gedankenwelten der Kindheit.

 

Wovon wohl auch der Song “My Most Beautiful Mistake” (mit Gast- Sängerin Nicole Atkins) handelt. Aber um welchen Fehler handelt es sich, und warum war er so „schön“?

 

Elvis Costello: Das ist eigentlich ein sehr ironischer Song, der von einem Mann erzählt, der versucht, ein Drehbuch zu schreiben und mit seiner Inspiration kämpft, während er von einer Kellnerin sein Abendessen in einem Restaurant serviert bekommt. Und als er sie anschaut, sieht er in ihrem Gesicht den Beginn einer Verführung, glaubt er zumindest, nachdem sie ins Gespräch gekommen sind, und er sich wahrhaft inspiriert fühlt. Der Song endet ein wenig wie eine mysteriöse Geschichte, und es kommt die Frage auf, ob es ein Fehler ist, die Geschichte in dem Song überhaupt irgendwie enden zu lassen, oder ist es ein Fehler, wie die Hinweise in der letzten Strophe lauten, in Frage zu stellen, ob die Geschichte, die da erzählt wird, überhaupt wahr ist, oder ob der Song nicht vielleicht auch Bestandteil des Drehbuchs ist? Manchmal macht die „Moral der Geschichte“ am Ende eines Songs zu schreiben, genauso viel Freude, wie das Ende offen zu lassen. Und so sind einige der Songs eine Art von ungelöster Rätsel.

 

Ein anderer Song heißt ”Trick Out The Truth”. Ist es notwendig Wahrheit auszutricksen?

 

Elvis Costello: Oh, das ist ein recht simpler Song über „Halloween“, ein Fest, das in unserer Familie einen großen Stellenwert hat. Der Gedanke dahinter ist, dass wir ja nicht nur an „Halloween“-Monster um uns herum haben, nur eben an „Halloween“ uns wie Monster verkleiden und wir als „Monster“ sichtbar werden.

 

2017 hast Du an dem „Tower Of Song – Tribute To Leonard Cohen”-Festival in Montreal zum einjährigen Todestag von Cohen teilgenommen und dort zwei Songs, „Bird On A Wire“ und „The Future“ auf sehr beeindruckende Art vorgetragen. Warum hast Du gerade diese beiden Songs ausgewählt, und welche Bedeutung hat für Dich Leonard Cohen?

 

Elvis Costello: Kennst Du diese Militärfilme, mit dieser Szene, in der alle Soldaten beim Appell nebeneinanderstehen und der Kompaniechef nach einem Freiwilligen sucht, sich niemand meldet, aber alle bis auf einen Schritt zurückgehen, während der eine, dann plötzlich der Freiwillige ist? So kam ich an den Job, „Bird On a Wire“ zu singen. Keiner wollte den Job machen, weil der Song eine größere Herausforderung ist, und es einfach kaum überbietbare Versionen davon gibt. Allen voran ist Leonards Version ohnehin die beste und unnachahmlichste; aber auch die, die einmal Joe Jocker abgeliefert hat, ist sehr beeindruckend. Da wagt sich ungern jemand an eine weitere. Es war Hal Wilner, der mich bat, es dennoch zu tun. (Der Musikproduzent und Mitarbeiter bei „Saturday Night Live“ Hal Willner ist am 6. April 2020 nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben; Anmerkung des Autors) Alles, was mein Freund Hal mir abverlangte, konnte ich nie abschlagen. Er war ein toller Freund und begnadeter Produzent von Plattenproduktionen und Inszenierungen von Live-Konzerten.

„The Future“ mit ins Programm zu nehmen war meine Idee und ich wollte ihn ganz bewusst anders klingen lassen, als die Originalversion. Ich habe dazu extra die Orchestrierung geschrieben, damit sie zu der faszinierenden Grammatik von Leonard Cohens Text passt. Jeder der beteiligten Musiker, sowohl Bandmembers von Leonard, wie z.B. Sharon Robinson oder aber auch zwei Musiker meiner Band, Pete Thomas und Davey Faragher, wie auch das gesamte Orchester waren fantastisch an diesem Abend und halfen mit, den Klang des Liedes orchestral zu inszenieren. Der ganze Abend, auch wenn er einen sehr melancholischen Anlass hatte, weil es ja um den Tod von Leonard Cohen ging, war dennoch ein faszinierend schönes Erlebnis, wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt sagen kann. Alles, was mit dem Konzert zu tun hat, lässt sich mit dem Wort „Schönheit“ beschreiben, wirklich alles, und es macht mich stolz, dabei gewesen zu sein. Es gibt sicherlich Leute, die eine andere Vorstellung von der Wahl der teilgenommenen Musiker hatten, dennoch hatte das gesamte Tribute-Konzert eine enorme Stimmigkeit erfahren. Jeder der Beteiligten hat alles gegeben, was er an Leidenschaft und Gefühlen für das Werk von Leonard Cohen einbringen konnte. Für mich war es das beste Konzerterlebnis, das ich je hatte und mit dem, was ich aus „The Future“ gemacht habe, bin ich ohne Zweifel zufrieden und glücklich.“

 

2016 kommentierte Leonard Cohen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Dylan mit den Worten: “To me,” sagte er, “[the award] is like pinning a medal on Mount Everest for being the highest mountain.” Was hast Du darüber gedacht, als Du das damals gehört hast beziehungsweise was denkst Du über diese Aussage von Leonard Cohen über Bob Dylan ?

 

Elvis Costello: Nunja, es ist eine Art, etwas Schönes zu sagen, etwas schön zu beschreiben. Wenn Du Dir die Liste von all den Literaturnobelpreisträgern aller Zeiten anschaust, die Namen von Schriftstellern, Poeten, Autoren liest, die zu den größten Schriftstellern ihrer Zeit gehören, so ist es etwas ganz Großes, wenn jemand, der sich nur durch Songlyrics in der Welt der Literatur bewährt hat, einen solchen Preis erhält. Leute, die ausschließlich in Versen schreiben, wie z.B. Shakespeare, Dante, Homer hätten ihn zu ihren Lebzeiten genauso verdient, wie Bob Dylan es verdient hat, diesen Preis 2016 zu erhalten. Es war eigentlich unvermeidlich, dass ihn Bob Dylan einmal erhalten würde. Es ist immer schwierig, den richtigen für eine solche Auszeichnung auszuwählen, weil du ihn ja nur einer Person geben kannst. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war einmal bei so etwas ähnlichem involviert und sogar Jury-Mitglied.

 

Du meinst die Verleihung des Pen Awards für „Song Lyrics of Literary Excellence“, an der „JFK Presidential Library“ in Boston 2012? (Bei dieser Veranstaltung am 26. Februar 2012 traten u.a. Keith Richards und Elvis Costello live mit Gitarre und Gesang auf und spielten Chuck Berry`s „Promised Land“– Chuck Berry und Leonard Cohen waren damals die ersten Empfänger des Pen Awards für „Song Lyrics of Literary Excellence“, an der „JFK Presidential Library“ in Boston. Berry und Cohen saßen in der ersten Reihe während des Auftritts von Richards/ Costello zu Ehren von Berry/ Cohen; Anmerkung des Autors)

 

Elvis Costello: Ja, es ging um den Preis für Lyriker, bei dem ich einem Komitee von Jurymitgliedern angehörte. Und das sagt ja schon alles aus, es ist nichts physikalisch Bestimmtes, es geht nicht um die Faszination des Universums oder um das, was die Natur nachvollziehbar erklärt, es ist ein Komitee von einem halben Dutzend oder Dutzend von Leuten, mit verschiedenen Meinungen über etwas, in dem Falle über Literatur, über Lyrik und weißt Du, wie das Ergebnis war? Weißt du, wer den Preis erhalten sollte? Es gab kein Ergebnis! Es wurden exakt gleich viel Stimmen für Chuck Berry und Leonard Cohen abgegeben und so erhielten beide die Auszeichnung. Aber das ist es doch auch, was die Auszeichnung von Künstlern durch Kommittes eigentlich aussagt: Du kannst keinen Chuck Berry mit einem Leonard Cohen vergleichen. Wer kann sagen, wer von den beiden der bessere Lyriker ist? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich damals über eine Stunde mit Leonard und seinem Manager bei einer Tasse Tee zusammensaß und wie mir Leonard damals erklärte, warum es eigentlich Chuck Berry hätte sein sollen, den PEN Award alleine zu erhalten. Er erzählte mir über Chuck Berrys wundervolle Art mit Sprache umzugehen und wie sehr er das schätze. Solche Auszeichnungen sind daher auf der einen Seite einfach nur naiv, aber auf der anderen Seite natürlich eine gute Möglichkeit Tribut zu zollen. Ich empfand Leonard Cohens Bescheidenheit als eine sehr große Anmut – und habe dabei von Leonard gelernt mit Bescheidenheit und Anmut umzugehen. Ich hoffe, dass ich irgendwann am Ende meines Lebens, als Mensch und im künstlerischen Werk einmal so kohärent wie Leonard sein kann, wie er es in seinem Werk und in seinen Konzerten war. Seine letzten Konzerte waren einfach nur großartig.

 

Wie denkst Du über den ewigen Vergleich zwischen Leonard Cohen und Bob Dylan, der soweit ging, dass Cohen als der Matisse und Dylan als Picasso der Populären Musik beschrieben wird?

 

Elvis Costello: Auch das ist eine Art, etwas Schönes zu beschreiben, es ist etwas, um etwas beschreiben zu können, um ihm Bedeutung zu geben. Aber ich würde so etwas eher nicht kommentieren müssen. Beide sind ja auch visuelle Künstler. Leonard ist ein Zeichner und Bob ist Maler und Skulpturkünstler. – Ich habe Dylan letzte Woche live in concert gesehen und es war sein bestes Konzert, das ich je von ihm gesehen habe. (Costello besuchte eines der drei New Yorker Dylan-Konzerte bei der „Rough And Rowdy Ways-Tour“ im November 2021; Anmerkung des Autors). Wenn ich mich an mein letztes Leonard Cohen-Konzert erinnere, ist es wohl das beste, das ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Beide Künstler arbeiten jeweils am höchsten Limit ihrer Leistungsfähigkeiten. Ich bin einfach nur froh, dass ich zur selben Zeit lebe, in der ich Künstler wie Cohen und Dylan bei ihrer Arbeit auf der Bühne zuschauen konnte.

 

Mit Bob Dylan hast Du schon mehrmals auf der Bühne gestanden? Welche Erfahrung war das für Dich?

 

Elvis Costello: Ja, ich hatte einige Wochen 1995 mit Dylan zu tun und stand des Öfteren mit ihm auf der Bühne und dann noch mal in den 2000er, ich glaube so um 2007. Bei der 1995er Tour war ich so etwas wie der Überraschungsgast irgendwann in der Mitte der Tour. Ich tauchte da zwischen dem Opener-Act und Bobs Show auf, nur mit einer Gitarre, was eine großartige Sache war, und hin und wieder stand ich für einen Song mit ihm gemeinsam auf der Bühne. Das tollste daran war, dass ich über mehrere Wochen all seine Shows sehen konnte.

 

Wie kam es dazu? Steckt dahinter eine Freundschaft, die zu solchen Auftritten führte, war es eine Managemententscheidung oder gar Zufall?

 

Elvis Costello: Well, ich weiß, dass er nicht den besten Ruf von Umgänglichkeit genießt und sich nicht gerne mit Leuten umgibt, die er nicht kennt. Ich machte diese Erfahrung nie. Es gibt viele Leute, die etwas von ihm wollen, ich wollte nie etwas. Ich würde es auch nicht Freundschaft nennen, aber wir hatten einmal die Gelegenheit etwas länger miteinander zu sprechen, auch über Privates oder eben über die Sicht über Dinge, die man nicht nach Außen trägt, weil sie dort zu bleiben haben, wo sie entstanden sind, nämlich im Gespräch zwischen den Menschen, die das Gespräch geführt haben. Wenn solche Gespräche nicht aufdringlich wirken, fühlen sich die Beteiligten wohl, weil sie beide dieselbe Vorstellung von der Privatheit des anderem zu schätzen wissen und die Inhalte solcher Gespräche nicht mit der gesamten Welt teilen.

 

In Deinen Konzerten variierst Du Deine Songs ebenso, wie man es bei Bob Dylan im Laufe seiner Neverending Tour erleben konnte, wo zeitweise oder auch über längere Perioden, kein Konzert dem vorangegangenen glich und Songs fast zur Unkenntlichkeit verändert wurden, sodass man sie manchmal gar erst am Refrain identifizieren konnte. Es gab auch Zeiten, wo man keine Variationen bei den Konzerten oder Songs entdecken konnte. Ist das eine Art Verbindung von der Performance eines Singer/ Songwriters, die zwischen Elvis Costello und Bob Dylan zu einem gemeinsamen Verständnis von der Aufführung von Kunst geführt haben?

 

Elvis Costello: Ich denke, es gibt einige sehr gute Singer/ Songwriter und Performer, die in der Lage sind, jedes Konzert exakt so aufzuführen, wie das vorangegangene. Allein darin steckt die Kraft dieser Disziplin. Du gehst ja z.B. auch nicht in ein Beethoven-Konzert und erwartest große Veränderungen bei der Umsetzung einer Sonate, du erwartest die Musik so, wie sie geschrieben wurde. Anders ist es bei Künstlern wie z.B. Neil Young oder auch Tom Waits, die je nach Situation, Stimmung oder mit wem sie gerade zusammenspielen, oder sogar abhängig vom Bühnenset, ihr eigenes Material neu interpretieren. Bob Dylan ist wohl der berühmteste, der mit seinem Material auf diese Art umgeht. Seine Songs sind nie beendet, sondern offen für Interpretationen und Variationen in deren Darbietung. Mein Großvater und mein Vater waren Musiker, sodass ich um beide Diszipline weiß. Auf der einen Seite, Musik so darzubieten, wie sie geschrieben wurde und auf der anderen Seite, sie auch „showman-mäßig“ darzubieten, zu performen und damit zu unterhalten. Die wahre Kunst dieser beiden Disziplinen liegt in der Kumulierung und in der Kombination von Songs, die dazu geeignet sind, beides in einem Konzert zu präsentieren. Immer dann, wenn Du neues Material geschrieben hast, hast Du den Anspruch dieses diszipliniert darzubieten, während das alte Material dafür umso lebendiger wird und sich für Variationen anbietet.

 

Bildzeilen:

  1. Elvis Costello live in Concert
  2. Variiert seine Songs in Konzerten gerne: Elvis Costello
  3. Live beim “Tower Of Song-Festival” 2017 in Montreal
  4. Backstage mit Adam Cohen 2017 in Montreal
  5. A Boy Named If – Elvis Costello