30 Jahre Cohenpedia – by Christof Graf – 1996-2026 – 30 Jahre German/ bilungual Leonard Cohen-Website (deutsche Version)

30 Jahre Cohenpedia

– Analoge Leidenschaft in der digitalen Welt –

Die Geschichte einer Leonard Cohen-Website

Vor 30 Jahren hat der Zweibrücker Christof Graf die erste deutschsprachige Website über Leonard Cohen ins Netz gestellt. Heute ist sie eine der umfangreichsten weltweit. Wie es zu dieser digitalen Entwicklung einer analogen Leidenschaft kam, verriet Christof Graf im Gespräch mit DIE RHEINPFALZ-Redakteur Christian Hanelt schon anlässlich des 25jährigen Bestehens der COHENPEDIA. Auf Basis des damaligen Artikels erfährt das Gespräch 2026 nun ein Update…

 

2026 steht Ihre deutschsprachige Leonard Cohen-Website 30 Jahre im Netz. Wie kam es dazu?

 

In Sachen Internet kam die Initialzündung von dem finnischen Webmaster Jarkko Arjatsalo, der 1995 die ersten sogenannten leonardcohenfiles.com ins Netz gestellt hat. Er fragte mich, ob ich ihm Texte und Fotos für seine damals weltweit erste Leonard Cohen-Website zur Verfügung stellen könnte. Als ich sah, dass auch Cohen selbst auf dieser Website einiges Material publizierte, machte mich das schon etwas stolz. Ich stellte Jarkko über die Jahre immer wieder Reportagen und Fotos zur Verfügung, wie über den Besuch im New Yorker Chelsea Hotel, Festivalauftritte oder Reisen in Cohens Heimatstadt Montreal – alles in Englisch. 1996 erschien dann meine erste Cohen-Biografie „Partisan der Liebe“, und ich entschloss mich, Teile davon auch online zu stellen. Das war die Geburtsstunde der damals ersten und bis heute umfangreichsten deutschsprachigen Website über den kanadischen Rockpoeten.

 

Aus der dann Ihre Cohenpedia entstanden ist?

 

Ja, seit Mitte der 90er Jahre war ich vom Internet begeistert. Man sagt, um 1996 seien in Deutschland die erste Million User online gewesen. Ich war einer davon und experimentierte mit den damaligen AOL-Members-Seiten. Dann schloss ich mich dem weltweiten Cohen-Web-Ring an und meldete die Domain leonardcohen.de an, aus der cohenpedia.de wurde. Durch den Besuch vieler Cohen-Konzerte und Interviews mit Cohen ab den 80er Jahren erarbeitete ich mir ein Archiv, aus dem ich bis heute schöpfe.

 

Worum geht es Ihnen dabei?

 

Mir ging es immer darum, vor allem das künstlerische Leben von Leonard Cohen als Rockpoet journalistisch zu dokumentieren. Die Website ist noch immer ein „work in progress“. Mir gefiel damals der Gedanke, daraus etwas zumachen, was man später Content-Management nannte. Eine Art Wikipedia rundum das Thema „Leonard Cohen“. Es gibt Artikel, Interviews, Fotos in verschiedenen digitalen Formaten, Podcasts, Links, einen YOUTUBE-Kanal, FACEBOOK- und INSTAGRAM-Accounts und auch einen Blog. Die Seite versteht sich mittlerweile als Plattform für alles Cohen-relevante.

 

In diesem Jahr, 2026 jährt sich Cohens Tod zum zehnten Mal. Gibt es denn noch immer etwas über ihn zu berichten?

 

Ja, es macht Freude, sich immer wieder neu mit altem wie auch mit neuem Material zu beschäftigen und es in die Cohenpedia aufzunehmen. Mittlerweile gibt es auch zahlreiche Gastbeiträge von anderen Autoren, die mir ihre Materialien zur Verfügung stellen. Es wird auch über andere Singer/ Songwriter in der Tradition von Cohen berichtet, die irgendwie in Verbindung mit seinem Werk stehen. Es geht um Künstler, die mit ihm zusammengearbeitet haben oder neue, junge Künstler, die seine Lieder interpretieren.

 

Was unterscheidet Ihre Website von anderen dieser Art?

 

Sie existiert seit 30 Jahren, was in der Schnelllebigkeit des Netzes nicht selbstverständlich ist. Sie ist nicht kommerziell und versucht, auch Dinge zu präsentieren, die es sonst nicht überall zu finden gibt. Ich versuche nach wie vor, der Website eine Eigenständigkeit zu geben. Darüber hinaus wird in blog.leonardcohen.de regelmäßig und wöchentlich rund um die Singer/Songwriter- und Musikszene berichtet, was manchmal auch nichts direkt mit Cohen, aber mit popmusikalischer Philosophie in der Tradition von den Leonard Cohens, Bob Dylans, Nick Caves & Co. zu tun hat.

 

Was bringt Ihnen die Beschäftigung mit Leonard Cohen?

 

Für mich sind Cohens Texte, Lieder und Leben eine Bereicherung für jegliche Art von Kreativität. Mir hat er mit seinem Gesamtwerk stets Raum für Reflexion gegeben.

 

Können sich andere Cohen-Fans auf der Seite einbringen?

 

Sie ist keine Plattform im klassischen userorientierten Social Media-Sinne, sie besitzt keine Kommentar-Funktion und keine Chaträume, sie ist ein Raum zur Recherche und für Reflexion. Es geht um ein dokumentatives Angebot, in das Gesamtwerk eines großen zeitgenössischen Philosophen der Rockgeschichte einzutauchen. Ich gebe etwas weiter, was ich durch das Erleben von Kunst erfahren durfte: Inspiration und Kreativität. Ich versuche, auf der Website keine Copy & Paste-Kultur aufkommen zu lassen und nur autorisierte Inhalte zu publizieren, was die Cohenpedia damit auch zu einem Medium und Presseorgan macht.

 

Hat die Seite auch Schwächen?

 

Natürlich. Für einen Web-Designer stellt sie keine Herausforderung dar, ich bin kein Web-Designer. Dafür bin ich in Sachen IT-Administration autark, und die Website ist auf Basis der WordPress-Software leicht zu handeln und ich erstelle alle Files selbst. Mir geht es nicht um Technik, sondern um Inhalte. Ich wollte von Anfang an eine Art digitale rockpoetische Landschaft schaffen, die ebenso wie Cohens Werk ein Ort der Inspiration sein kann. Nicht für alle, nur für die, denen es gefällt, einen digitalen Spaziergang durch Cohens Garten von Zen und Poesie zu machen.

 

Wie ist der heutige Marketing-Professor Christof Graf damals ausgerechnet auf Leonard Cohen gekommen?

 

Meine erste Berührung mit Rock und Pop war durch meine sechs Jahre ältere Schwester und durch einen, zwei Jahre älteren Schulfreund und dessen ältere Geschwister, die uns schon Mitte der 70er Jahre mit auf Rock-Konzerte nahmen. So bin ich froh, dass ich Leo-nard Cohens einzigen Auftritt, den er jemals im Saarland hatte, am 2. Mai 1976 in der Saarbrücker Saarlandhalle erleben konnte. Aber ich bin auch froh, dass ich schon 1976 die Rolling Stones in Stuttgart oder 1978 Bob Dylan in Nürnberg live gesehen habe. Und auch die Open Airs im Ludwigspark 1978 und 1979 waren schuld daran, dass ich von Live-Konzerten nicht mehr lassen konnte, und irgendwann begann ich während meines Studiums auch für Tageszeitungen und Radio-Sender darüber zu berichten. Cohen gehört für mich zu den tiefgründigeren Vertretern der Pop-Philosophen und schaffte es, mir auch den Blick auf so viele andere Welten, wie zum Beispiel auf die Beat-Gene-ration, zu richten. Ohne diesen Blick hätte ich nie Texte von Yates, William S. Burroughs „Naked Lunch“ oder Jack Kerouacs „On The Road“ gelesen.

 

Welche Erinnerung haben Sie noch an Ihr erstes Leonard Cohen-Konzert?

 

Es hat mich nachhaltig beeindruckt, und die Erinnerung hat mich ebenso wie Cohens Lieder als Soundtrack durch mein Leben begleitet. Ich erinnere mich noch gut an den Konzert-beginn mit „Bird on a Wire“, den er damals sogar ein zweites Mal am Ende des Konzertes solo auf einer Akustikgitarre spielte. Damals gab es noch nicht die Hits wie „First We Take Manhattan“ oder „Hallelujah“. Das etwa zwei Stunden dauernde Konzert lebte von den Songs seiner ersten fünf Alben, wie „Suzanne“, „So Long, Marianne“, „Sisters of Mercy“ oder „Famous Blue Raincoat“. Mich hat völlig fasziniert, wie er es auch live schaffte, mehrere Tausend Besucher mit in seine Welt des Minimalismus zu nehmen und eine Konzerthalle zum Ort der Andacht zu machen. Nach dem Konzert wartete ich backstage an der Saarlandhalle, um mir auf einem Konzertplakat ein Autogramm geben zu lassen. Nach dem Konzert wusste ich, dass das nicht mein letztes Konzert war. Von Tournee zu Tournee besuchte ich immer mehr Cohen-Konzerte, ähnlich wie ich es später auch bei Bob Dylan tat. Für mich waren Cohen, Dylan oder die Stones die Personifizierung des Rock’n’Rolls, Ausdruck von Freiheit und Geist. Cohen wusste mit Wort und Klang, Bilder im Kopf seiner Zuhörer zu projizieren, die Raum für Interpretation schaffen, ohne auf Tiefsinn zu verzichten. Er ist ein Wortschmied der edelsten Art, was bis auf Bob Dylan oder Nick Cave so kaum ein anderer Künstler der populären Musik in der Lage ist zu tun. Cohen war bis ins Alter der Bohemian, der Lord Byron der populären Musik, der einen Lebensstil pflegte, den ich künstlerisch als vorbildlich ansehe.

 

Warum sind mittlerweile auch andere Künstler bei Cohenpedia vertreten?

 

Es geht zunächst um das, was auch die Überschrift des Blogs aussagt: Es geht um „populäre Probleme, verschiedene Sichtweisen und andere alte Ideen“, in Anlehnung an einige seiner Alben-Titel wie z.B. „Various Positions“ (1985), „Old Ideas“ (2012) und „Popular Problems“ (2014). Es geht um vieles, was die cohennahe Kunst des Songwritings betrifft und daher dokumentationswert ist. Und dazu gehören auch Künstler, die Cohen inspiriert haben, oder solche, die sich von Cohen inspiriert fühlten. Übrigens war Leonard Cohen neben Bob Dylan, Peter Gabriel und David Bowie einer der ersten Künstler in den 90er Jahren, deren Webpräsenz auf fanbasierten Websites aufbaute. Man glaubt gar nicht, mit wem Cohen schon alles zu tun hatte. Seit Ende der 80er bis heute führe ich Interviews mit Künstlern und frage immer auch nach deren Meinung zu Leonard Cohen. So mancher wusste gar nichts über Cohen zu sagen, und andere kamen sofort ins Schwärmen?

 

Wer schwärmte?

Peter Gabriel erzählte mir, wie er mit Cohen in Montreal eine Galerie in der dortigen Altstadt besuchte. Der Gründer der Hardrock-Band Krokus berichtete mir von einer Taxifahrt mit Cohen durch New York. Der 2020 verstorbene Gründer von Uriah Heep, Ken Hensley, erzählte mir eine fünf Minuten lange Geschichte, wie er Cohen 1972 in München getroffen hatte.

 

Und welche Geschichte erzählte er?

 

Genau diese Geschichte gibt es im Original-Ton auf der Cohenpedia-Site zu hören, ebenso wie Fragmente eines letztes Kamingesprächs bei Cohen, etwa vier Wochen vor seinem Tod, als ich ihn zum letzten Mal im Oktober 2016 in Los Angeles traf.

 

Wusste Cohen von Ihren Online-Aktivitäten?

 

Ja. 2001 stellte er mir erstmals Zeichnungen als Post zur Verfügung oder gab mir eine signierte Gitarre oder schickte hin und wieder eine Mail und bedankte sich für den deutschen Internet-Auftritt. Auf seiner Welttour 2008 bis 2013 war ich mehrfach back-stage eingeladen. Seine eigene Künstlerseite (leonardcohen.com) verweist mit einem Link zu meiner Cohenpedia, und seine Plattenfirma Sony verweist ebenso auf die Cohenpedia.

 

Sie haben sich auch nach Cohens Tod 2016 weiter mit ihm beschäftigt …

 

Ja, aus meiner Sicht gibt das Thema „Leonard Cohen“, sein Leben und Werk noch so viel mehr her als das, was eine Tageszeitung, ein Magazinbeitrag oder ein Buch bisher hergegeben haben. Außerdem ergeben sich kreative Freundschaften und Kooperationen im Netz. Im Frühjahr 2021, mitten in der Pandemie erschien ein Buch mit dem Hamburger Autor Michael Brenner. Er erlebte noch die Anfänge Cohens Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Wir tauschten uns zwei Jahre virtuell aus, woraus schließlich ein Buch mit dem Titel „Blicke auf Leonard Cohen“ entstanden ist.

 

Und auch während und nach der Pandemie ging und geht es mit der Cohenpedia weiter. Sie schrieben u.a. ein Buch über Leonard Cohens Heimatstadt Montreal ?

 

Ja, Dank eines guten Freundes, der in Montreal lebt, der mich seit dem Jahr 2000 regelmäßig immer wieder einlädt, begab ich mich auf die Suche nach den sogenannten „Cohen Places in Montreal“, also Örtlichkeiten, die mit Cohens Leben und Werk zu tun hatten, wie z.B. Cohens Elternhaus, späteres Wohnhaus, Schulen, Lieblingskneipen und Restaurants oder aber auch die in „Suzanne“ besungene „Lady Of The Harbour“, etc. Darüber gibt es in dem Buch jeweils kleine Geschichten dazu oder Anmerkungen, Fotos und Wegeskizzen. Das Buch heißt „Marillion, Montreal und Leonard Cohen“ und spricht auch die Affinität der britischen Prog Rock Band „Marillion“ zu Montreal und Leonard Cohen an. Marillion treten seit den 2000er Jahren regelmäßig für ihre sogenannten „Marillion Weekends“ in Montreal statt. Jenes im Jahr 2023 stand ganz im Zeichen von Montreal und Leonard Cohen, was durch das Bühnenbild und deren Cohen-Tribute-Song „The Crow and the Nightingale“ (vom „An Hour Before It`s Dark“-Album aus dem Jahr 2022) symbolisiert wurde. All das steht im Mittelpunkt des Buches „Marillion, Montreal und Leonard Cohen“, das hunderte von Fotos, Biographien der Künstler und drei Kapitel mit den Titeln „Book Of Marillion“, „Book Of Montreal“ und „Book Of Leonard Cohen“ enthält.

Auf GOOGLE-MAP gibt es hierzu auch eine Seite mit „Cohen Places“ zu finden.

 

 

2016 jährt sich nicht nur der zehnte Todestag von Leonard Cohen, sondern auch der von David Bowie. Sie haben auch ein Buch mit dem Titel „David BOWIE & Leonard COHEN – Begegnungen und Erinnerungen – encounters & memories“ geschrieben.

 

Ja, das Buch kam 2021 heraus. 2016 war das Jahr, in dem überraschenderweise sehr viele Künstlerpersönlichkeiten der Populären Musik verstarben. Zwei dieser Künstler, David Bowie und Leonard Cohen, verabschiedeten sich noch kurz vor ihrem Ableben mit jeweils einem Album, das sich mit der eigenen Sterblichkeit beschäftigte. „Blackstar“ (01/2016) von David Bowie und „You Want It Darker“ (10/2016) von Leonard Cohen. 2021, fünf Jahre später und auch noch heute, sind die jeweiligen Leben und Werke dieser herausragenden Künstler noch immer präsent und klingen immer noch nach. Ihre Musik wird unvergessen gehört, in den analogen Medien über sie berichtet und in den sozialen Medien werden Musik, Fotos und Geschichten von Begegnungen mit und Erinnerungen an Bowie & Cohen weiterhin gepostet und geteilt. Ihr musikalisches Werk ist aus dem gesellschaftlichen Langzeitgedächtnis nicht zu löschen. Ein jeder, der die Musik von „Bowie & Cohen“ liebt und ihnen z.B. in Konzerten begegnete, hat seine eigene Geschichte der Erinnerung daran. Und meine fasste ich in diesem Buch „David BOWIE & Leonard COHEN“ zusammen. Über 300 bis dato zumeist unveröffentlichte Fotos sowie eine Timeline beider Künstler ergänzen die Fortsetzung der Buchserie „Zen & Poesie – The Cohenpedia-Series“. Ein Essay über die Kunst, Sterblichkeit in Musik umzuwandeln und die Antwort auf die Frage, wie David Bowie und Leonard Cohen dem Tod musikalisch begegneten, komplettieren den Band mit der „Nummer 5“.

Sie sind neben ihres Hauptberufs als Professor für Wirtschaft und Marketing an der Akademie der Saarwirtschaft (ASW) und an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (htw saar) noch immer als Journalist und „Rock-Fotograf“ tätig, der auch Interviews mit Rock- und Pop-Bands führt und auch immer wieder gerne auf Leonard Cohen zu sprechen kommt. Wen haben Sie kürzlich gesprochen und was sagten diese über Leonard Cohen?

 

Duff McKagan von Guns`n`Roses erzählte mir, dass seine Frau ein großer Leonard Cohen-Fan ist. Die Frontfrau „Skin“ von der britischen Band „Skunk Anansie“ oder auch Michael Sadler von der kanadischen Band Saga schwärmten von Cohen , ebenso wie auch die us-amerikanische Bluesröhre „Beth Hart“.

 

Welche weiteren Buchprojekte der „Cohenpedia-Series“ sind geplant?

 

Derzeit arbeite ich an dem Buch „Open Air – 40 Jahre Rock am Ring-Geschichte(n) 1985-2025, in dem es in einem Kapitel auch um Leonard Cohen geht. Und meine Reise zu Leonard Cohens ehemaligen Zen-Kloster auf Mount Baldy/ Kalifornien und Gespräche mit ZEN-Mönchen werden wohl noch zu einem Buch verarbeitet. Und auch ein Buch über Bob Dylans „Rough And Rowdy Ways“-World Tour, in dem es auch um die Verbindung Bob Dylan & Leonard Cohen geht, sind angedacht.